Ein fliegender Leichenwagen im Wohnzimmer

 

Das klingt wohl eher nach Harry Potters Fantasiewelt als nach Trauerbegleitung in der Hiesigen. 
Und doch ist es ganz real. So real wie etwas nur sein kann - 5 Wochen nach dem plötzlichen Tod vom Papa. 

Da sitzen 2 kleine Jungs im Alter von 5 und 7 Jahren auf dem Wohnzimmerboden, lassen einen Leichenwagen durch die Luft fliegen, schieben einen Sarg nach dem anderen in den Krematoriumsofen und beerdigen die Verstorbenen wie am Fließband. 
Sie kennen sich nämlich gut aus, wissen genau, wie so eine Bestattung abläuft. „Da kommt der Leichenwagen in die Trauerhalle und lädt den Sarg ab, dieser wird dann geschmückt mit Blumen. Es sitzen viele weinende Leute dort und vorn steht ein Mann, der etwas über den Verstorbenen erzählt. Danach kommen 4 ganz starke Männer, die den Sarg zum Grab tragen und alle laufen hinterher.“ 
So haben es die Beiden erlebt - zum Glück. Sie durften dabei sein, duften den Papa vorher noch einmal sehen und anfassen und so den Tod besser begreifen. Konnten Bilder malen und dem Papa mit in den Sarg geben, waren eingebunden in all das, was für eine Beerdigung so organisiert werden muss. 

Und nun sitzen der kleine Max und der etwas ältere Felix hier und spielen es nach. Beim Spielen mit dem Bestattungslego erzählen sie mir unbewusst so vieles. Ich erfahre einiges über ihre Wünsche, ihre Ängste und Sorgen. Die kleinen, weinenden Legomännchen springen alle mit in die Gräber, um mit den Toten zu kuscheln. Bei manchen ist nicht nur der Papa gestorben, auch die Mama wird jetzt beerdigt. Immer und immer wieder stellen sie solche Situationen ganz spielerisch dar. Es ist weder beängstigend noch mache ich mir Sorgen. So drücken sie aus, was sie nicht in Worte fassen können, weil sie noch viel zu klein sind. Die Angst, dass ihre Mama auch noch sterben könnte, die Sehnsucht nach dem Papa. Ich erfahre, dass Papa so gut kuscheln und viel besser kampeln konnte als die Mama. 

Gemeinsam durchblättern wir einen Lego-Katalog, um nach Dingen zu schauen, die vielleicht noch den Friedhof erweitern könnten. 

Am Ende sind wir uns einig: echte Friedhöfe sollten umgestaltet werden, kinderfreundlicher! Ein Eiswagen wäre nicht schlecht, ein Spielplatz. Ach was, man könnte doch einen Abenteuerpark daraus machen. Unsere Fantasie, vor allem die der Jungs, hat da keine Grenzen. Sie schaffen sich in ihren Gedanken einen Ort, an dem sie gleichzeitig gedenken, trauern und Spaß haben können. Denn das eine schließt das andere bei Kindern nicht aus. 

So haben wir doch glatt beschlossen, beim nächsten Mal alle in einen Freizeitpark zu gehen. Vor allem auch, weil die ganze Familie Jahreskarten für diesen Park hat. Nach dem Tod vom Papa waren sie allerdings noch nicht wieder dort. Es ist gut, dass ich mitgehen werde. Denn nur mit der Mama, zu dritt, ist alles komplizierter (nicht nur im Freizeitpark!). In den Achterbahnen sitzt man immer zu zweit, wer sollte jetzt also allein sitzen müssen oder auf die nächste Runde warten? 
So ist es besser, wenn ich dabei bin und sollte jemanden die Erinnerungen übermannen, kann es auch nicht schaden, wenn ich da bin. 

Und vielleicht holen wir uns dort ja weitere Anregungen für den Friedhof der Zukunft...

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